Deutsche Romantik Reloaded

Julis Westreicher 19.11.2015  Bludenz/Österreich

Am vergangenen Donnerstag präsentierte der Verein allerArt ein besonderes Highlight für Literaturbegeisterte. Das Berliner Musikerduo Bobo &Herzfeld gastierte im Rahmen der Literaturreihe kopfsprung – wortintonbild mit ihrem neuen Album „Liederseelen“ in der Remise. Inhalt dieses außergewöhnlichen künstlerischen Projekts ist das musikalische Neuarrangement von Volksliedern aus dem 19. Jahrhundert und die Vertonung von literarischen Werken der Romantik. Unterstützt wurde die beiden Musiker dabei vom Weißrussischen Akkordeonisten und Komponisten Yegor Zabelov. Berauschendes Klangerlebnis Die ausgewählten Werke, darunter auch Gedichte von Goethe oder Eichendorff, sind in ihrem Inhalt, der sich v.a. um die großen Themen des Lebens – die Liebe und den Tod – dreht, schon von durchdringender Wirkung. Die dazu passenden Klänge, die Sebastian Herzfeld mit seinen speziellen und beeindruckenden musikalischen Arrangements schafft, offenbaren eine völlig neue Dimension des Zusammenspiels von Musik und Literatur. Es entstehen so mystische berauschende Tonwelten, die die Gehalt der Texte nicht nur verstärken sondern auch auf einen völlig neue und moderne Art und Weise präsentieren. Die eindringliche gesangliche Darbietung der Sängerin Bobo intensiviert diese literarische Erlebnisreise noch zusätzlich. Sind die drei Musiker für sich alleine schon herausragende Künstler, so erschaffen sie gemeinsam scheinbar mühelos große und einnehmende Klangwelten. Mit dem Auftritt von Bobo & Herzfeld wurde das innovative und multimediale Literaturkonzept des Vereins allerArt auf alle Fälle ansprechend und gelungen umgesetzt. kopfsprung – wortintonbild ist das Literaturprogrammformat des Kulturvereins allerArt. Dieses Lesungsformat ist in Vorarlberg bisher einzigartig. kopfsprung steht für ein Literaturprogramm mit starkem Erlebnischarakter bei gleichzeitig hoher Qualität. Die nächste Ausgabe der kopfsprung-Reihe widmet sich am 1.12. ab 20 Uhr unter dem Titel „Ping Pong Poetry“, mit den beiden Literaten Markus Köhle und Mieze Medusa, der Kunstform Poetry Slam.

 

 

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Jazzpodium

Volker Doberstein, Juni 2007

Es ist ein ernst zu nehmender Anwärter auf das Album des Jahres, was die Berliner Sängerin Bobo uns unter dem Titel? Lieder von Liebe und Tod? (Traumton 4504/Indigo) präsentiert. Deutsche Volkslieder, vor allem aber große deutsche Gedichte, überwiegend aus Klassik und Romantik, die von Sebastian Herzfeld kongenial vertont und extrem reduziert arrangiert wurden. Dabei arbeitet er durchaus eklektizistisch ? mal klingt das nach einer Akustikversion von Pink Floyd, mal nach Filmmusik des Minimalisten Philip Glass ?, und doch ist diese Musik vor allem eines: ein kunstvoll in Bewegung versetztes Bild, besser: eine vollendet theatrale Szene aus den Mitteln der Musik. Wie Bobo diese großartigen Texte interpretiert, ist von einer Klarheit und Aufrichtigkeit, die nicht nur die Ohren öffnet, sondern das, was all diesen Stücken in mythischer Tradition eingeschrieben ist: die Seele. Ihr Gesang ist eine Anleitung zur Empfindsamkeit. Diese ungewöhnlichen und nicht nur in kommerzieller Hinsicht sehr riskanten Aufnahmen sind durchweg von einer Brillanz, die einen förmlich erschauern lässt. Wer sich auf sie einlässt, wird dieses grandiose Miniatur-Musik-Theater, diesen Kosmos des Kleinen, unendlich bereichtert verlassen. Hier wurden Maßstäbe gesetzt.

 

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Nie mehr schämen: Bobo singt deutsche Volkslieder

Matthias Görnandt für „Neues Deutschland“, erschienen im Mai 2007

Ach, was haben wir uns gequält mit unseren deutschen Volksliedern. Immer, wenn sie volkstümlich dekoriert und auf den ersten Takt beklatscht erklangen, schämten wir uns in Grund und Boden. Immer, wenn sie mittelalterlich kostümiert und fackelbeleuchtet daherkamen, waren wir peinlich berührt.

Und jetzt erlöst uns eine Rocksängerin, deren Karriere in „White Wooden Houses“ begann. Nun singt sie ihre Volkslieder so, dass sie damit die ultimative Entlastung unseres von Geschichte geschwängerten schlechten Gewissens bewirkt: „Lieder von Liebe und Tod“ – die neue CD von Bobo.

Wie aber gelingt ihr diese längst überfällige Entlastung? Ist es Geniestreich oder leichter Zufall?

Bobo hat das, was zwischen Schlauheit, Realismus und Kontemplation angesiedelt ist – sie hat Herzensbildung!

Aufgewachsen ist sie mit den Bildern und Klängen aus „Es geht eine dunkle Wolk herein“ und „Der schwere Traum“. Und sie hat diese Bilder behalten, als sie Joni Mitchell oder Fleetwood Mac und all die anderen entdecken wollte und musste. Sie hat ihre emanzipatorischen Hausaufgaben gemacht, sich Zeitgeist angeeignet, Formen hinterfragt und zertrümmert.

Jetzt legt sie, scheinbar mit leichter Hand, eine wunderbar langsame, dunkle CD vor, die das deutsche Volkslied so überzeugend von Mottenpulver und Patina entstaubt, dass man das Wort „Befreiung“ zu Recht für diese Leistung wählen darf.

Die von Bobo neu interpretierten Volkslieder machen glücklich, weil sie nicht lustig sind. Endlich wird dieses Material wieder einmal nicht gerufen, deklamiert, versüßt oder in Frischhaltefolie verpackt, sondern auf bescheidene und gleichzeitig kunstvolle Weise gesungen. Hier geht es nicht um kleinbürgerlichen Stolz auf die schöne, geputzte, fröhliche Heimat. Es gibt kein Aufmarschieren positiver Argumente wie schönes Wetter, blauer Himmel und ein Ziel vor den Augen. Bei Bobo fällt „ein Reif in der Frühlingsnacht“. Die Filterung der ideologisch vereinnahmten oder kommerziell vernutzten Formen deutscher Volkslieder praktiziert Bobo durch die spröde Melancholie ihrer Interpretation und die kongeniale Instrumentierung ihres musikalischen Partners Sebastian Herzfeld. Letzterem gelingt dann noch der Geniestreich, eigene Kompositionen zu Texten von Goethe und Eichendorff so einzufügen, dass die Grenzen zwischen traditionellem und neuem Material fast nicht mehr zu finden sind.

Tradition ist bei Bobo nicht Pflege, sondern Leben. Mit ihren „Liedern von Liebe und Tod“ wird sie alle die beschämen, die leichtfertig und oberflächlich auf die Mode eines neuen Nationalstolzes oder auf wohl formatierte Käuferschichten schielen. Sollen doch die fröhlichen Musikanten oder die warmgeduschten Altrocker ihre Volksliederbonbons vom Festwagen werfen: Bobo singt uns in eine neue Selbstgewissheit. Wir haben Tiefsinnigkeit ohne Tristesse. Wir haben Dunkelheit mit immer neuem Licht. Mehr können wir nicht wollen…

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Lieder von Liebe und Tod

Ein Album wie ein Kunstwerk: Deutsche Volkslieder zwischen Brauchtum und Jazzimprovisation, Pop und Kunstlied.

Von Jan Gebauer

Nein, einfach ist die Thematik nicht, die sich Christiane „Bobo“ Hebold für ihr ehrgeiziges Solo-Projekt „Lieder von Liebe und Tod“ ausgesucht hat. Die Frontfrau der Rock-Band Bobo In White Wooden Houses hat sich mit dem Theatermusiker Sebastian Herzfeld an die Neuinterpretationen deutscher Volkslieder und Gedichte gewagt. Herausgekommen ist ein von der ersten Note an faszinierendes Meisterwerk, dass einen fesselt und für Stunden nicht mehr los lässt. Volkslieder zwischen Brauchtum und Jazzimprovisation, zwischen Pop und Kunstlied, über Allem Bobos glockenhelle, extravagante Stimme. Wie nebenbei verfliegen alle Zweifel und Vorurteile und schnell macht sich helle (bei diesem Sujet manchmal auch dunkle) Begeisterung breit.

Bobo, Herzfeld und die Klarinettistin Anne Kaftan haben einen atemberaubendes Klangwerk geschaffen, in dem sich die lyrischen Meisterwerke perfekt einfügen. Selbst die berühmten Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe und Joseph von Eichendorff bekommen durch Herzfelds eigene Kompositionen ein erstaunliches neues Leben eingehaucht. Spätestens beim dritten Lied „Der schwere Traum“ bricht es einen das Herz. Schon jetzt dürfte „Lieder von Liebe und Tod“ mehr als ein Geheimtipp sein. Bleibt zu hoffen, dass dieses phantasievolle, anspruchsvolle Werk seinen Weg in die Jahresbestenlisten findet – denn dort gehört es schon jetzt hin!

 

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